4. Treffen 28.09.2022 – Dorsch mit Salzkartoffeln und Senfsauce
Teilnehmer: Linda Richardt, Werner Beyer, Helga Hermann
Das Motto des heutigen Kochstudios könnte kurz und knapp mit „Aus dem Chaos werden (Fünf) Sterne geboren“ beschrieben werden. Dies war die unmöglichste, chaotischste und am massivsten von Störungen und Hindernissen (mehr noch als das erste Treffen!) beeinträchtigte Runde unserer bisherigen Chefkochkarrieren. Dennoch – oder deswegen? – war dann das fertige Menü das beste aller bisherigen Treffen.
Zunächst bemerkten wir mit Schrecken, dass sowohl Projektleiter wie Kollege Erichsen die Töpfe vergessen hatten, die sie mitbringen wollten. Der Kollege eilte in die Küche, ließ seine Beziehungen aus alten Chefkochzeiten spielen und kam mit gleich drei Töpfen zurück. Zwar alle ohne Deckel, aber immerhin für unsere Zwecke tauglich – dachten wir. Es stellte sich jedoch heraus, dass nur ein einziger Topf davon induktionsherdgeeignet war.
Wir hatten unsere Zeitplanung für das Menü, das im Grunde wenig Aufwand erforderte, mit einer Dreiviertelstunde eingeschätzt und entsprechend spät mit dem Kochen begonnen. Erst als wir nach ca. einer Stunde bemerkten, dass die Kartoffeln nicht daran dachten, gar zu werden. kamen wir darauf, dass wir die falschen Töpfe hatten (der Topf, in dem der Fisch sott, war Gottseidank derjenige, der auf Induktionsherden funktioniert). Nun war guter Rat teuer, denn insgesamt hatten wir nur EINEN Topf und EINE Pfanne zur Verfügung für Fisch, Kartoffeln, Sauce und Zwiebeln.

Es galt also, gnadenlos zu improvisieren, während wir uns innerlich bereits auf zerkochten Fisch und harte, kalte Kartoffeln vorbereiteten bzw. schon überlegten, ob wir nicht besser Pizza bestellen sollten. Aber wie oft in ausweglosen Situation kommen den Beteiligten dann die kreativsten Ideen: der Ofen, in dem schon die Teller und Suppenschalen für das Mittagessen des Wohnbereiches vorwärmten, wurde kurzerhand geleert und der mittlerweile fertige Fisch zum Warmhalten reingeschoben.
Der dadurch freigewordene Topf musste die Kartoffeln aufnehmen (wobei ich in dem Trubel und Durcheinander fast den gesamten Fischsud wegschüttete, der für die Senfsoße benötigt wurde – zum Glück lagen die Fische im Warmhalte-Ofen in einer gerade noch ausreichenden Menge Sud) und in der Bratpfanne blanchierte Werner Beyer die Zwiebeln, ungeduldig beäugt von Helga Hermann, die darauf wartete, in derselben Pfanne die Mehlschwitze für die Senfsauce anzurühren.



Als ob das alles nicht genug Hektik, Chaos und Störung gewesen wäre, wurden wir ausgerechnet heute auch noch alle paar Minuten von unbeaufsichtigten dementen Bewohnern des Wohnbereiches heimgesucht. Offensichtlich standen auf dem Wohnbereich weder Pflege- noch Betreuungskollegen zur Verfügung, so dass wir zur „Abwehr“ der bedauernswerten „Störenfriede“ – die natürlich nichts für ihre innere Unruhe, Desorientiertheit und Hinlauftendenzen können! – eine Sofa-Barrikade zwischen Wohnbereich einerseits und Küche und Sitzecke (unser „Kochstudio“) andrerseits errichten mussten.
Inzwischen war bis auf die Kartoffeln alles fertig, der Tisch schön eingedeckt und, als Entschädigung für die Unbill, die wir beim Kochvorgang erleiden mussten, der exquisite rheinhessische Grauburgunder geöffnet, den ich vorausschauenderweise schon bei Ankunft im Heim ins Kühlfach gelegt hatte. Wir prosteten uns gegenseitig zu, stießen auf die hektischen und anstrengende vergangenen anderthalb Stunden an und hofften gemeinsam, dass das kulinarische Ergebnis dieses chaotischen Vormittags nicht allzu enttäuschend ausfallen würde.
Was sich dann jedoch schon beim Befüllen und Dekorieren der Teller abzeichnete, bestätigte sich bei den ersten Bissen: wir hatten uns selber übertroffen und ein Menü hingezaubert, das seinesgleichen suchte! Der Fisch perfekt gedünstet und bißfest, die Kartoffeln genau richtig gesalzen und punktgenau gar, die Senfsoße (unser schwierigstes Detail) optimal und köstlich, dazu noch sämtliche Bestandteile des Menüs exakt richtig gewürzt – eine Zeitlang hörte man nur genußvolles Kauen und Schmatzen in der erschöpften, aber zufriedenen und glücklichen Runde.
Bemängelt wurde lediglich, dass ich nur eine Flasche des köstlichen Grauburgunder aus meinen Kellerbeständen mitgebracht hatte. Wir nahmen uns fest vor, beim nächsten Mal nicht so knauserig zu sein und gleich zwei Flaschen zu öffnen. Beim nächsten Mal übrigens gibt es, wie nach kurzer Diskussion entschieden wurde, Schweinebraten mit Kartoffeln an frischen Bohnen, ein Menüvorschlag von Herrn Beyer.

Fazit: Gleichzeitig der Tiefpunkt und das Highlight unserer Kochstudio-Aktivität! Einigkeit herrschte in der Runde, dass heute das bisher leckerste Menü auf den Tisch gekommen war